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Anna und Gerhard Sperber fliehen nach Frankreich
Durch meine Recherchen im Internet und in Archiven weiß ich, dass Anna und Gerhard nach Frankreich geflohen sind. Das muss etwa im September/Oktober 1943 gewesen sein.
Die Juden, die im Widerstand aktiv waren und den Krieg überlebten, erhielten nach dem Krieg einen Fragebogen mit standardisierten Fragen. Ernst Asscher,
geboren am 19. Juni 1921 in Liebemühl, beantwortete diesen Fragebogen 1957. Er gibt auch an, dass er eines Tages von einem "Chawer" Gert Sperber (Gerhard wurde auch Gert genannt) besucht wurde.
Gerhard versuchte, Ernst zu überreden, nach Frankreich zu kommen, aber die Familie Van de Akker, bei der Ernst untergetaucht war, war dagegen.
Er schreibt, dass er im November 1943 doch auf einem Bauernhof in Frankreich zu arbeiten begann.
Nachfolgend ein chronologischer Aufstellung über die Aufenthaltsorte und Ereignisse von Anna und Gerhard in den Niederlanden, beginnend mit ihrer Ankunft und
anschließend eine Beschreibung der wichtigsten Momente und Umstände, die ihre Zeit dort prägten, bis zu dem Moment, in dem sie schließlich entschieden, nach Frankreich zu fliehen.
1938
- Am 23. November 1938 wird Anna in das Einwohnerregister der Stadt Amsterdam aufgenommen, ihre vorherige Adresse: Kastanienallee 38 in Essen. Adresse:
Roeterstraat 8, dritte Etage. Sie wohnt bei der Familie Bolle.
1939
- Am 13. Februar wird Gerhard in das Werkdorf in der Wieringermeer aufgenommen, nachdem er nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in die Niederlande geflohen ist.
- Am 11. Mai 1939 zieht Anna in die Van Woustraat 195, dritte Etage. Der Grund könnte sein, dass Anna weiß, dass ihre Schwester Jetta, die Anfang Januar zusammen mit ihrem Bruder
Leo in die Niederlande gekommen ist und im 'Vakantiehuis KL Smitoord' in Losser untergebracht wurde, nach Amsterdam kommt. Jetta ist damals 9 Jahre alt.
- Am 4. Juli reist Jetta mit einem Kindertransport nach England.
1940
- Am 14. Februar 1940 zieht Anna in das Werkdorf in der Wieringermeer, Nieuwesluizerweg. Dort lernt sie Gerhard kennen. Gerhard ist Melker, und Anna arbeitet im
Haushalt und erhält eine Ausbildung in Gartenbau.
- Im März 1940 erhält Anna die Nachricht, dass Leo in Haifa mit einem Studentenvisum angekommen ist.
- Am 10. Mai 1940 greifen die Deutschen die Niederlande an. Weil die Deutschen drohen, nach Rotterdam auch Utrecht zu bombardieren,
entscheidet sich General Winkelman am 15. Mai zur Kapitulation.
1941
- Am 20. März 1941 wird das Werkdorf von der SS geschlossen. 290 Schüler werden nach Amsterdam gebracht, 60 dürfen bleiben, um aktuelle Angelegenheiten abzuwickeln und sich um die Tiere zu kümmern. Anna und Gerhard bleiben im Werkdorf.
- Am 1. August 1941 wird das Werkdorf endgültig geschlossen. Die Verbliebenen, meist ältere Schüler, suchen eigenständig nach Unterkünften nach der Ernte. Sie suchen allein oder in kleinen Gruppen.
- Im August 1941 lebt Anna bei der Familie Leegwater in Schermerhoorn; Gerhard arbeitet bei Bauer Piet und Alie de Heer auf dem Bauernhof 'Eenhoorn' in Middenbeemster. Anna und Gerhard besuchen sich mit dem Fahrrad; das sind etwa 10 Kilometer.
- Am 30. September 1941 wird Annas Adresse im Einwohnerregister aktualisiert; Adresse Schermerhorn A 127.
- Am 12. Dezember 1941 verloben sich Anna und Gerhard in Alkmaar.
1942
- Ab dem 16. Februar 1942 wohnt Anna im Gästehaus des Jüdischen Rates an der Plantage Franschelaan 11c. Der Grund dafür könnte gewesen sein, dass sie als Jüdin nicht länger in Schermerhorn wohnen durfte. Alle Juden mussten nach Amsterdam ziehen. Ein weiterer Grund könnte gewesen sein, dass sie als Jüdin nicht mehr bei Nichtjuden im Haus wohnen durfte. Aus demselben Grund zieht Gerhard im April nach Deventer in die 'Deventer Vereniging', Papenstraat 45. Die Deutschen erlaubten den Juden noch, bei Bauern zu arbeiten, aber sie durften dort nicht mehr übernachten.
- Ab April 1942 waren alle Gemeinden verpflichtet, regelmäßig die Registrierung und Kontrolle des Aufenthaltsstatus von Juden durchzuführen. Die Juden erhielten ein 'J' in ihren Personalausweis.
- Am 2. Mai 1942 mussten alle Juden einen Judenstern tragen.
- Am 24. Mai kommt Gerhard mit einer Gruppe aus dem Werkdorf in Almelo in der Werfstraat 11 an. Sie hatten den Hinweis erhalten, dass in Deventer Deportationen stattfinden würden, und entschieden sich, Deventer zu verlassen.
- Am 16. Juli beginnt Anna offiziell für den Jüdischen Rat zu arbeiten und betreut Kinder in der Kinderkrippe gegenüber dem Hollandschen Schouwburg in Amsterdam. Sie erhält eine sogenannte 'Sperre', eine vorübergehende Befreiung von der Deportation.
- Am 24. Juli 1942 heiraten Anna und Gerhard in Almelo. Es ist nicht ganz klar, ob Anna auch in Almelo gewohnt hat. Auf Nachfrage in Almelo wurde mir mitgeteilt, dass sie offiziell nicht in Almelo registriert war.
- Mitte August taucht Gerhard unter. In einem Polizeiblatt in Almelo vom 10. September 1942 wird er zusammen mit anderen Pionieren gesucht. Verschiedene Bewohner hatten eine Aufforderung zur Deportation erhalten und entschieden sich, unterzutauchen.
Er zieht nach 'Huize de Zonnebloem' in Bennekom, wo die Familie Kleine, die eine Pension betreibt, ihn aufnimmt. Er besitzt einen gefälschten Personalausweis mit dem Namen 'Jan van den Berg'. Da Gerhard untertaucht, zieht Anna am 11. August 1942 in die Deurloostraat 80 in Amsterdam. Dank ihrer 'Sperre' ist sie in Amsterdam noch relativ sicher. Gerhard muss nach kurzer Zeit nach Renkum umziehen, da die Familie Kleine befürchtet, dass Gäste sich fragen könnten, wer 'Jan van den Berg' ist. Er wohnt dort bei Dina und Louis Kranen. Louis ist im Widerstand aktiv. Da Gerhard verheiratet ist, erhält er ebenfalls eine 'Sperre'. Sie beschließen, nach Amsterdam zurückzukehren, wo sie zusammen in der Tugelaweg 67 wohnen. Laut der Registrierungskarte von Amsterdam wohnt Anna ab dem 1. Dezember und Gerhard ab dem 28. November 1942 an dieser Adresse.
1943
- Anna ist schwanger, und Gerhard fragt Louis Kranen, ob sie in Renkum entbinden darf; in Amsterdam ist es zu gefährlich. Kurz vor der Geburt wird Anna in das Pflegeheim '´t Hemeldal' in Oosterbeek gebracht, wo sie am 27. August 1943 die Tochter Irene zur Welt bringt. Das Pflegeheim gehört Eef Zwarts, einem Aktivisten der L.O. (1).
- Im September 1943 kehren sie nach Amsterdam zurück; Irene wird mit einer gefälschten Identität vom Widerstand in Sicherheit gebracht. Der Jüdische Rat in Amsterdam wird offiziell aufgelöst, nachdem die meisten Juden in Amsterdam bereits in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert worden waren. Die verbliebenen Mitglieder des Jüdischen Rates, die selbst von der Deportation befreit waren, befinden sich in großer Gefahr. Anna und Gerhard beschließen, nach Frankreich zu fliehen.
Anna hat einen gefälschten Personalausweis auf den Namen 'Jeanette van den Berg', der Mädchenname von Nel Leegwater - van den Berg aus Schermerhorn, wo Anna nach der Räumung des Arbeitsdorfes einen Platz gefunden hatte
(1) Die L.O. steht für Landelijke Organisatie voor Hulp aan Onderduikers („Landesweite Organisation für Hilfe an Untergetauchten“).
Text Schreiben des Reichkomissars
Geheim
DEN HAAG 26. März 1943
DER REICHSKOMMISSAR
FÜR DIE BESETZTEN NIEDERLÄNDISCHEN GEBIETE
DER VERTRETER DES AUSWÄRTIGEN AMTES
D Pol 3 /Nr. 32
Betr.: Abschiebung der niederländischen Juden
In seinem wöchentlichen Geheimbericht an den Herrn Reichskommissar schreibt der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD wie folgt:
Für den Verbleib der noch frei beweglichen Juden - abgesehen von den unsichtbaren Juden in der Illegalität - kann folgende Schätzung gelten: In den Provinzen Nordholland, Südholland und Utrecht dürften sich noch ca. 55.000 Juden aufhalten (davon allein in Amsterdam 45.000 bis 50.000). In den Provinzen Limburg, Nordbrabant, Gelderland und Overijssel ist noch ein geringer Prozentsatz der ehemals dort gemeldeten Juden verblieben, nämlich insgesamt ca. 4.500. Die Provinzen Friesland, Drenthe, Groningen und Zeeland sind so gut wie vollständig von Juden freigemacht.
Das zeitweilig dreister gewordene Auftreten der Juden in der Öffentlichkeit hat sich seit dem Abflauen der Sowjetoffensive merklich nachgelassen. Die Juden rechnen damit, dass die nächsten Monate für sie die schlechtesten werden, und erzählen sich, dass die deutschen Behörden vorhaben, bis zum Sommer die 'Judenfrage' in den Niederlanden ohne Rücksicht auf bisherige Sperrstempel restlos zu bereinigen. Es werden deshalb weiterhin alle möglichen Mittel angewendet und empfohlen, um der Erfassung zu entgehen und sich über die nächsten Monate bis zu der erhofften englischen Invasion zu retten.
An das Auswärtige Amt in Berlin